Lutz Mommartz; Erste Interviews

Herr Mommartz welche Beziehung haben sie zum Kino?
Ich gehe selten hin, ich mag keine Western keine Problemfilme und auch keine Lustspiele. Aus Neugierde geh ich dann doch schon mal rein, ganz vorsichtig. Manchmal bin ich sogar begeistert, wofür ich aber keine Begründung habe.

  • Lutz Mommartz /

  • 1963-68 /

  • 4:26 min - 16mm - s/w


  • Wie stehen sie zum jungen deutschen Film?spacer

  • Die sind altjung, die haben nix kapiert.

  • Wie hat es bei ihnen angefangen?spacer

  • Ich wollte kein Filmer werden. 1963 war ich sechs Wochen in Uganda.
    Da lag eine 8-mm Kamera herum und weil es in Afrika wahnsinnig langweilig ist, konnte filmen auch nichts schaden. Ich habe alles aufgenommen, was für Afrika nicht typisch ist. Das hat mich tief befriedig. Zum Beispiel hab ich eine Tischdecke im Wind gefilmt, lange und formatfüllend.
    Für Augenblicke war dahinter eine wunderbare Landschaft zu sehen - ihn Farbe. Diese Einstellung ist mir leider verloren gegangen. Ich höre also erst auf mit der Fimerei, wenn ich wieder so eine schöne Einstellung gedreht habe.

  • Haben sie noch mehr auf 8mm gedreht?spacer

  • Ja, mit Freunden und Bekannten als Bewuptseinspiel zur Verhaltenskontrolle - ohne Filmambitionen. Außerdem dachte ich an die Möglichkeit, einen Film durch Aneinanderreihung von herausgegriffener Situationen aus der sichtbaren Wirklichkeit in der Kamera entstehen zu lassen ohne nachträglichen Schnitt. Dieser Vorgang erforderte, daß jede einzelne Sequenz sich dem Gedächtnis einverleibte. Die Auswahl der einzelnen Bilder richtete sich nach meinem persönlichen Vorstellungen von Plausibilität. Je mehr Bilder im Kasten waren, desto mehr spitze sich der Film zu. Nach einem verhältnismäßig beliebigen Beginn werden immer weniger Möglichkeiten plausibel. Das setzt ungeheuere Konzentration voraus. Das war aus einem Interview von1968.

  • Aus einem Vortrag, den ich 1969 im Hessischen Rund funk zum Thema 'Die Kunst ist tot, es lebe die Kunst‘ gehalten habe:spacer

  • Damals hatte ich einen Bekanntenkreis, der sich aus Leuten zusammensetzt, die aus verschiedenen Berufen kamen. Obwohl ich mit jedem von ihnen guten Kontakt hatte, klappte die Verständigung der anderen untereinander nicht so gut. Diese Situation schien mir ein klassisches Modellfall für die ganze Gesellschaft zu sein. Ich wollte ausprobieren, wie man die Kommunikation nicht nahe stehender Leute weiter treiben kann und welche gesellschaftlichen Probleme hierbei auftauchen. Ein bestimmtes Thema wollten wir den gemeinsamen Treffen nicht geben. Wie waren uns einig, daß wir uns Situationen auslieferten, von keiner wußte was das sollte.
    Vielleicht umschreibt man das Unternehmen am besten mit experimentelle Koexistenz oder Bewußtseinsspiele im Bekanntenkreis. Ursprünglich hatte ich vor, diese Spiele mit einzelnen durchzuführen.
    Ich kaufte eine alte 8 mm Kamera um mein Gegenüber einer Situation auszusetzen, in der es nichts weiter tun konnte als sich der Kamera und mir gegenüber zu verhalten. Dieser Test war für mich interessant, weil ich feststellen wollte, welche Initiativen sich aus einer solchen Situation entwickeln.
    Ich entschloß mich aber das Verfahren auf eine Gruppe anzuwenden, in der jeder einzelne zusammen mit den andern seine Anwesenheit bewältigen mußte . Uns war klar, daß Außenstehende diesen Prozess anhand der Bilder nicht begriffen konnten. Die Anschaffung der Kamera hatte also mit Film zuerst wenig zu tun. Wir mußten bei diesem Bewußtseinsspiel feststellen, daß sich daraus auch kein gemeinsames Vorgehen herauskristallisierte. Jeder hatte trotz der Bereitschaft, an einer gemeinsamen Sache mitzuarbeiten, seine eigenen Interessen. Mein Interesse an dieser Sache stellte sich als das der andere an dieser Sache. Die provozierten Interessen der anderen mit der Gruppe blieben weitgehend aus. Aus diesem Grund ist es zum Beispiel zur Bildung einer Kommune nicht gekommen.
    Immer noch wollte ich kein Filmer werden. Aber die Kamera verführte mich, auszuprobieren, was man mit ihr machen kann. Da ich kein Einzelgänger sein wollte, und mich über meinen Bekanntenkreis als gesellschaftliches Wesen betrachtete, entschloß ich mich, meine Vorstellung von der Welt an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich kaufte 1967 eine 16 mm Kamera und drehte die ersten Filme für das Internationale Experimentalfestival in Knokke Ende 1967.